Wir wollen es einfach mal so positiv wie möglich sehen: Die meisten Menschen merken vermutlich garnicht, dass sie sich im Rachemodus befinden. Denn es erfordert ein wenig Übung und Selbst-Bewusstsein, dieses Gefühl in sich zu finden, zu spüren und es auch in passender Weise einzuordnen. Ein erstes Beispiel mag dies verdeutlichen: Ich gebe den Teilnehmern in einem meiner Seminare regelmäßig „Hausaufgaben“ mit – ja, schon bei dem Namen wird dem einen oder anderen ganz anders. Dabei sind es teilweise Aufgaben, die ich aus dem Online-Coaching-Programm „Marcs Lebensschule“ nehme, die also wirklich gut sind für die eigene Weiterentwicklung. Eine Teilnehmerin entdeckt, dass sie nicht nur nach der Hälfte der Aufgabe aufhört, sondern dass sich dabei auch noch ein Gefühl von Freude in ihr einstellt. So weit, so fertig.

Ich nutze am nächsten Tag im Seminar die Chance, um sie genauer nach ihren Gefühlen zu befragen, und es stellt sich heraus, dass die Aufgabe sie wütend gemacht hat. Nach dem Motto: „Warum darf der mir, in einem Seminar, für das ich bezahle, Hausaufgaben aufgeben?“ Nach der Wut kam bei ihr die Rache, das Gefühl, es mir heimzahlen zu wollen, sich an mir zu rächen. Und sofort danach stellte sie, angetrieben von dem unterbewussten Wunsch nach Rache, die Arbeit ein.

Rache findest Du überall

Wenn Du jetzt anfängst, diesem Gefühl nachzuspüren, findest Du es an ganz vielen Stellen sicher auch in Deinem Alltag wieder. Ein paar Beispiele gefällig: Ein anderer Autofahrer überholt Dich noch knapp vor der Baustelle, weil er unerlaubt schnell fährt und sich dann eben noch vor Dir einfädelt. Na, was empfindest Du, als Du einige Zeit später die Chance hast, ihn auszubremsen? Oder dies: Die Bedienung im Restaurant lässt Dich warten und bedient den Gast, der nach Dir gekommen ist, vor Dir, ja, der bekommt sogar sein Essen früher. Was nun? Rächst Du Dich an Ihr? Bekommt sie weniger oder gar kein Trinkgeld von Dir? Die Regierung beschließt Maßnahmen, die Du als gegen Dich gerichtet empfindest, die Dich Geld kosten oder was auch immer. Was machst Du? Rächst Du Dich? Zahlst Du es ihnen heim?

Dein Partner vergisst, den Müll runterzubringen, etwas einzukaufen oder kommt zu spät zu einer Verabredung. Gibt es dann einige Zeit später eine Rückrunde? Auge um Auge, Zahn um Zahn – so heißt es schließlich in der Bibel. Dein Chef stellt Dich vor versammelter Mannschaft bloß, korrigiert Dich oder macht etwas, das Dich schlecht dastehen lässt. Schmollst Du jetzt, bekommt er Liebesentzug, bestrafst Du ihn?

Auch passives Verhalten kann Rache sein

Klar, wenn jemand sich offen rächt, indem er Lügen über Dich verbreitet, hinter Deinem Rücken oder sogar offen lästert, Dich angreift oder mit einer anderen aktiven Handlung etwas Böses oder Gemeines tut, dann ist die Rache so offensichtlich, dass niemand Fragen hat. Doch bist Du auch wach dafür, dass sich viele Menschen mit Passivität rächen, indem sie nichts tun? Bei Kindern und Jugendlichen ist das erstaunlich weit verbreitet, sie tun einfach nichts, reagieren garnicht, sitzen Themen aus, warten einfach auf das, was dann passiert. Oft genug sind die Eltern davon absolut überfordert und da sie nicht böse wirken wollen, bleiben die Konsequenzen aus. Die Kleinen lernen dann, dass sie jedes Thema umgehen können, wenn sie einfach lang genug stillhalten. Daraus lernt das Gehirn ein Verhalten, das „nur“ passiv ist, gleichzeitig allerdings mit Rache zu tun haben kann. Denn sie rächen sich ja in diesem Fall dafür, dass sie aufgefordert wurden, etwas zu tun, was sie nicht wollen. Besser als bei einem aktiv rächenden Verhalten schützt dann die passive Aggression davor, dass ein anderer einem keine Schuld geben kann. Da es keinen (aktiven) Täter gibt, lässt sich sozusagen nichts nachweisen.

Typische Rachethemen

Also schau einfach jetzt mal in Ruhe hin, an welchen Stellen Du Dich in Deinem Alltag für irgendetwas rächst. Hier ein paar Angebote, die natürlich nicht vollständig sein können und die Dir einfach nur dabei helfen, Deine Themen zu finden:

– Rächst Du Dich auf der Arbeit an Deinem Chef oder Vorgesetzten, indem Du bestimmte Dinge einfach nicht tust, seit Monaten vor Dir her schiebst und immer wieder ausweichst? Verdaddelst Du wertvolle Arbeitszeit, für die Du bezahlt wirst, indem Du im Internet herumsurfst oder Dich lange in der Kaffeeküche aufhältst? Vielleicht arbeitest Du auch einfach nur hier und da unsauber, um Dich zu rächen.

– Das Spiel geht auch anders herum: Vielleicht rächst Du Dich als Chef bei den Mitarbeitern, indem Du schlecht über sie redest oder denkst, ihnen zu viel Arbeit zumutest, Kündigungen aussprichst oder Informationen vorenthältst, die den anderen zeigen, dass Du so unglaublich mächtig bist. Prüfe dann am besten sehr aufmerksam, ob Du nicht auch in einem Rachemodus unterwegs bist, wenn Du jemandem eine Gehaltserhöhung verweigerst oder ein unangemessen schlechtes Feedback für die geleistete Arbeit gibst.

– Wie sieht es bei politischen Themen aus? Rächst Du Dich am Staat, beim Finanzamt, bei den Politikern, den Reichen oder anderen gesellschaftlichen Gruppen oder einzelnen Personen? Es kann sein,dass sich das nach einem (gerechtfertigten ?) Protest anfühlt. Und doch darfst Du aufmerksam hinschauen, ob Du Dich vielleicht doch einfach nur rächst.

– Schau auch in Deiner Partnerschaft und beim Umgang mit Expartnern aufmerksam hin. In vielen Beziehungen ist das Ping-Pong-Spiel der Rache gang und gäbe, es gibt immer nur eine Hinrunde, auf die die Rückrunde folgt. Wer will nach Jahren noch nachvollziehen, wer mit dem Rächen angefangen hat? Es schaukelt sich meist immer weiter auf.

– Natürlich gibt es ein ähnliches Spiel auch bei vielen Kindern und Eltern, die sich einfach immer weiter aneinander rächen, eben auch ein Ping-Pong-Spiel, bei dem es hin und her geht. Wenn der eine für den anderen etwas nicht tut, dann wäre der ja sozusagen dumm, wenn er das nicht auch tun würde.

Die Rache am Leben und dem lieben Gott

Zum guten Schluss dieses Themas möchte ich dann noch auf die wichtigste Rache zu sprechen kommen, die ich bei Menschen beobachte: Viele rächen sich am Leben. Das hört sich nun erst einmal sehr seltsam an. Wie kann man sich am Leben rächen? Vielleicht darf ich Dir andere Begriffe für den Begriff „Leben“ anbieten: Gott, das große Ganze, die Welt, Alles was ist. Wenn wir Menschen unglücklich sind, dann wollen wir offenbar nur zu gerne jemand anderem die Schuld dafür geben. Und je verzweifelter wird sind, desto größer muss der Gegner sein, der uns in diese Opferrolle gebracht hat. Das Leben an sich wird dann als feindlich empfunden. Doch wie rächen sich Menschen am (ganzen) Leben?

Zum Beispiel dadurch, dass sie sich zurückziehen in eine Depression oder von den sie umgebenden Menschen. Oder dadurch, dass sie einfach nur passiv irgendwo rumsitzen, fernsehen, innerlich und vielleicht auch äußerlich verkommen, sich und in der Folge auch alles andere nicht mehr wichtig nehmen. Ich glaube, dass ich das am besten als inneren Rückzug beschreiben kann. Und es mag gut sein, dass es noch viele weitere Arten gib, sich an dem großen Ganzen zu rächen. Vielleicht entlädt sich die Wut ja auch durch die Zerstörung der Natur, beim Quälen von Tieren und Pflanzen und Dingen. Oder Menschen rächen sich einfach durch irgendeine andere lieblose Tat.

Wofür rächst Du Dich eigentlich?

Des Pudels Kern scheint immer wieder zu sein, dass wir uns ungeliebt, übersehen, nicht beachtet, als nicht wichtig empfinden. Rache ist dann die Möglichkeit, doch gesehen und als mächtig wahrgenommen zu werden. Oder wir fallen in die völlige Ohnmacht und geben uns einfach dem Strom hin, hören auf uns zu wehren und lassen einfach alles nur noch geschehen, so wie ein Tier, dass sich dem übermächtigen Jäger willenlos überlässt. Dauerhafte Angst, wie wir sie gerade in unserer Gesellschaft erleben, scheint diese Tendenzen zu verstärken. Ich nehme in meinem Umfeld immer mehr und immer aggressiveres Racheverhalten wahr. An wem man sich rächt, scheint den Menschen nicht so wichtig zu sein wie die Tatsache, dass sie sich überhaupt rächen.

Da steckt dann also ein Hinweis für Dich drin, wenn Du merkst, dass Du in eines Deiner Racheprogramme gefallen bist: Fühl in Dich hinein und finde heraus, worum es wirklich geht. Was meine ich damit? Ursache der Rachegelüste ist ein vermutlich negatives Gefühl in Dir. Wenn Du dann in die Racheaktion gehst, hoffst Du, diesem Gefühl entkommen, vor ihm weglaufen zu können. Wenn Du in emotionalen Dingen noch nicht so erfahren bist, kann es Jahre dauern, bis Du merkst, dass Du mit der Rache Dir selbst am meisten schadest.
Insofern empfehle ich Dir, die Rachehandlungen zu beenden und stattdessen genau die Gefühle anzuschauen, die sich dahinter in Dir verbergen. Die sind sicher indivuell verschieden und doch haben die vermutlich nicht eine so übermäßig große Differenz. Probier doch mal da reinzufühlen. Vielleicht ist dahinter Wut oder Angst und dahinter sind dann vielleicht mal wieder Gefühle wie übersehen, nicht wahrgenommen, klein, ignoriert, allein gelassen, nicht ernst genommen und so weiter. Und – das kennst Du vielleicht schon – diese Gefühle kannst Du ganz einfach annehmen, sie sind einfach in Dir und das ist völlig okay.

Mach es Dir bewusst

Es scheint also so zu sein, dass wir Menschen uns rächen, weil wir uns nicht mit den eigenen Gefühlen auseinandersetzen, sie nicht wahrnehmen und vermeiden wollen. Ich finde dabei das Thema „Rache“ als besonders interessant, weil es so oft im Alltag der Menschen auftaucht und weil es so spannend ist, dies wahrzunehmen. Denn so beginnt Deine Reise eben auch in diesem Bereich: Du darfst herausfinden, wann Du Dich bei wem auf welche Weise rächst. Du darfst eine größere Bewusstheit dafür entwickeln, dass dies überhaupt ein Thema für Dich ist. Ansonsten bleibst Du nämlich auf Autopilot, wie ich das gerne nenne, und agierst es einfach aus. Damit kann sich nichts wirklich verändern. Menschen, Umstände und Situationen vielleicht, die Gefühle in Dir bleiben dann ein Leben lang gleich. Und das willst Du doch nicht, oder?