Sich etwas zu trauen, die eigenen Grenzen zu sprengen, die Komfortzone hinter sich zu lassen, es rauszuhauen auch dann, wenn es noch nicht 100-prozentig ausgereift ist und Du davon nicht überzeugt bist, dass es wirklich gelungen ist, das steht in diesen Tagen bei vielen Zeitgenossen hoch im Kurs. Das sieht man auch bei Firmen wie Tesla und bei vielen anderen Produkten und Dienstleistungen: Sie sollen beim Kunden reifen. So als ob es okay wäre, mit einem mangelhaften Produkt zu starten, weil es besser ist, überhaupt zu starten. Besser es gibt überhaupt ein Online-Angebot als gar keins. Dass der Kunde sich dann am Ende darüber ärgert, dafür Geld ausgegeben zu haben, das steht auf einem anderen Blatt.
Menschen, die solche Produkte und Dienstleistungen anbieten, feiern sich dann regelmäßig selbst dafür, dass sie überhaupt ein Buch veröffentlicht, ein Online-Seminar gegeben oder irgendetwas anderes zustande gebracht haben. Das ist ein bisschen so, wie ich es von einem amerikanischen Trainerkollegen gehört habe: Er berichtete, dass an amerikanischen Grundschulen Kinder schon dann gelobt werden, wenn sie sich überhaupt melden, auch wenn das Ergebnis beziehungsweise ihre Antwort auf die Frage falsch ist. Nach dem Motto: Der Lehrer fragt: „3 + 3 ist gleich?“ Jetzt meldet sich der kleine Peter stürmisch und nennt die Antwort: „5!“ Und jetzt wieder der Lehrer: „Vielen Dank, lieber Peter, dass Du Dich so rege beteiligst und dass Du eine Antwort gesagt hast und dass Du Dich traust, vor den anderen Kindern zu sprechen. Du bist ein wunderbares Kind und Du bist auf einem großartigen Weg!“ Ob uns alle diese Methoden wirklich voranbringen? Ich wage es zu bezweifeln.

Wie wäre es mit lernen und üben?

Jetzt stimmt es natürlich, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist. Eine erste wichtige Frage ist also: Wie lange muss ich üben, bis die Qualität gut genug ist, um es dann in der Öffentlichkeit oder irgendwo sonst anzubieten? Ich bleibe jetzt einfach mal bei meinen Beispielen, also Texte schreiben, einen Podcast veröffentlichen oder ein Seminar geben. Du kannst das aber praktisch auf jedes Thema verallgemeinern, für das man üben darf.
Ich habe für mich einen hohen Qualitätsstandard entwickelt und mein Vorteil ist, dass ich fast 20 Jahre lang als Journalist gearbeitet habe, bevor ich Kommunikationstrainer wurde. Insofern bin ich durch die harte Schule der Redaktionen gegangen, egal ob es um die Veröffentlichung von Zeitungsartikeln, Radio- oder Fernsehbeiträgen ging. Immer gab es Chefredakteure, die mir kritisch auf die Finger geschaut haben, die mir Feedback gegeben haben und die von mir das Beste gefordert haben.

Wer kann meine Qualität beurteilen?

Es ist gut, von jemandem begleitet zu werden, der die Qualität der Leistung beurteilen kann. So wie das in der Schule typischerweise der Lehrer ist, so ist das im richtigen Leben eben der Chef, der Chefredakteur, der Auftraggeber oder der Kunde. Sehr oft kann Dir jemand valides Feedback geben, der in diesem Bereich schon länger unterwegs ist. Eben wie ein Chefredakteur, der vielleicht schon seit 20 oder 30 Jahren Texte schreibt. Und die fundierte Kritik, die solche Menschen üben, die habe ich immer daran bemerken können, dass ich sie nachvollziehen konnte. Diese Menschen haben nicht meine Person kritisiert und sie haben den Text auch nicht in Bausch und Bogen abgelehnt. Das Feedback bestand vielmehr daraus, dass diese Menschen mir im Detail erklären konnten, an welchen Stellen meine Ausführungen noch einmal überprüft, ergänzt oder erweitert beziehungsweise verändert werden dürften.
Wenn Du lang genug mit solchen Menschen zusammenarbeitest, die fundiertes und damit zweifelsohne auch zeitaufwendiges Feedback geben, dann entwickelst Du Deinen eigenen Maßstab für das, was Du anbieten willst. Also bin ich fest davon überzeugt, dass Zeit und Übung ein wichtiges Kriterium sind, wenn Du jemanden hast, die Dir qualitativ hochwertiges Feedback geben kann.

Den inneren Kritiker abschalten

Viele Menschen bringen ihrem Leben deshalb nicht viel zustande, weil der innere Kritiker jedes Bemühen schon zunichte macht, bevor überhaupt begonnen wurde. Dieses Thema habe ich ja in diesem Newsletter schon häufiger behandelt. Innere Dialoge im Sinne von „Das schaffst Du eh nicht.“, „Alle anderen sind besser als Du.“, „Dafür bist Du zu blöd.“ oder so ähnlich können natürlich jede neue Aktivität und Bereitschaft, sich mit neuen Themen zu beschäftigen, sofort im Keim ersticken. In meinem Modell von Welt ist es wichtig, hier zu unterscheiden: Der innere Kritiker hält Dich davon ab, einen Fehler zu machen. Indem er also vom ersten Moment an rumnörgelt, hindert er Dich am Handeln und damit kann nichts schiefgehen in Deinem Leben. Klare Absicht: Keinen Fehler machen, nicht angreifbar sein.
Die Kritik, um die es mir heute geht, hat eine ganz andere Qualität, eben weil sie fundiert ist. Es ist die Kritik, die Dich besser macht und die eben auch verhindert, dass Du die Menschheit mit mangelhafter Leistung und fragwürdigen Ergebnissen strapazierst. Insofern ist es für mich kein Widerspruch, dass Du den inneren Kritiker abschalten sollst, gleichzeitig allerdings die Qualität Deiner Ergebnisse sorgfältig und damit auch kritisch überprüfst. Dieses Feedback hat eine andere Absicht: Es soll Dich besser machen in dem, was Du tust.

Kritik wird gerne unterbunden

Viele Menschen unterbinden mögliche Kritik gerne auch mit der Demonstration von Macht und dem Verbreiten von Angst. Das ist zum Beispiel auch im Trainerbusiness, in dem ich ja zu Hause bin, gang und gäbe. Viele Trainer geben sich unnahbar und wenn ein Teilnehmer eine kritische Äußerung macht, dann wird er abgebügelt, vor den anderen bloßgestellt und niedergemacht. Damit wird ein Exempel statuiert, damit sich kein anderer Teilnehmer traut, Kritik zu äußern. Wenn ein Trainer Angst und Schrecken verbreitet, wenn die Teilnehmer sich vor ihm fürchten, dann liegt das oft nicht an den Teilnehmern, sondern an der mangelnden Kompetenz des Trainers, der nicht in Frage gestellt werden möchte. Auch Eltern und Chefs zeigen gerne dieses Verhalten, weil die Angst die mögliche Kritik unterbindet. Wer jedoch über jeden Zweifel erhaben ist, muss nicht aus Angst heraus agieren.
Nach meiner Erfahrung und Beobachtung betrifft dies vor allen Dingen Menschen, die verunsichert sind und die keinen eigenen Maßstab für ihre Leistung haben. Diese Menschen haben den inneren Kritiker mit Schwung überwunden, der sie vielleicht sogar lange Jahre davon abgehalten hatte, etwas zu produzieren. Sie haben allerdings danach keinen neuen Maßstab mehr gefunden, der ihnen ein gutes Feedback darüber gibt, ob ihr Angebot wirklich wertvoll ist. Und sie umgeben sich gerne mit Speichelleckern, die ihnen nach dem Mund reden. So finden sich dann immer die richtigen Menschen.

Macht statt Qualität und Meinungsfreiheit

Wenn sich diesen Menschen dann scheinbar jemand in den Weg stellt, der anderer Meinung ist, dann müssen Sie ihn plattmachen. Denn nur dann kann ihr angeknackstes Selbstwertgefühl halbwegs stabil gehalten werden. Doch wenn diese Menschen ehrlich zu sich selbst wären, dann wüssten sie, dass ihre Leistung nicht gut ist und dass die Kritik an dieser Leistung durchaus gerechtfertigt ist. Doch sie scheuen sich so sehr, sich und ihr Angebot zu überprüfen, dass sie einfach ständig auf der Flucht bleiben. Diese Menschen sind sehr leicht zu entlarven, weil sie sich selbst immer in den Himmel heben, sich in den höchsten Tönen loben, mit ihren eigenen Angeboten prahlen und gleichzeitig inhaltlich wenig zu bieten haben. Und noch einfacher erkennt man sie daran, dass sie eben massiv gegensteuern, wenn man eine andere Meinung hat oder sie kritisiert. Wenn sie jemand kritisiert, dann entfernen sie ihn typischerweise einfach aus ihrem Leben.

Kritik bedeutet Liebesentzug

Wir kamen beim Diskutieren über dieses Thema noch auf einen anderen Aspekt, den ich superspannend finde: Kinder wachsen ja heutzutage gerne mal vollkommen ohne negatives Feedback auf. Das bedeutet, dass die Eltern nichts verbieten, alles erlauben und dass diese Kinder über Tische und Bänke gehen. Doch spätestens in der Pubertät kommt dann dieses Kind notfalls zum ersten Mal in die Situation, dass es negatives, ablehnendes Feedback bekommt, etwa von einem Lehrer, von anderen Kindern oder sogar von den nun langsam doch genervten Eltern. Was wird dieses Kind dann erleben: Naheliegend ist vielleicht ein Gefühl von Liebesentzug.
Ich glaube aber, dass es wichtig ist zu lernen, mit negativem Feedback auf das eigene Verhalten umzugehen. Das darf wohl jeder Mensch lernen. Wenn Du also bei Dir, Deinem Partner oder etwa auch Deinen Kindern feststellst, dass Du Kritik immer als Liebesentzug einordnest oder auch selbst mit Liebesentzug reagierst, dann darfst Du nochmal genau hinschauen. Was machst Du, wenn andere sich nicht so verhalten, wie Du es möchtest? Werden die bestraft? Sortierst Du sie aus Deinem Leben aus? Verfolgst Du sie mit Deiner Kritik?

Oder lässt Du die anderen einfach in Ruhe, konzentrierst Dich auf Dich und Deine Leistung und arbeitest daran, besser zu werden? Das würdest Du daran merken, dass Dein Angebot und Deine Performance sich steigern, Fortschritte zeigen, die Du klar benennen kannst. Wenn Du Dich ungeliebt fühlst bei Kritik, dann ist ein Thema in Dir zu lösen. Und da darfst Du klar hinschauen und darfst Dir bewusst machen, was Du wirklich willst. Willst Du gut werden oder lieber nicht kritisiert werden. Variante 1 ist mir deutlich lieber und bringt Dich definitiv weiter im Leben, da bin mir sicher.

Große Vorbilder können Dich leiten

Ich kann jedenfalls sagen, dass ich bei der Satire von Herrn Kishon, die er hoffentlich nicht so mühsam geschrieben hat, wie es den Anschein hatte, immerhin geschmunzelt habe. Und das ist mir bei vielen seiner Texte so gegangen. Ich habe geschmunzelt, weil er so offen war, so nahbar, so menschlich, so unglaublich normal. Und weil er witzig war, einen Humor hatte, den ich wirklich klasse fand und bis heute finde. Er ist damit ein großes Vorbild für mich geworden. Das ist der letzte Tipp für heute: Nimm Dir große Vorbilder und orientiere Dich an diesen Menschen. Dann bist Du vielleicht der Zwerg unter Königen, aber das ist immer noch besser, als ein Dünnbrettbohrer zu sein, der es selbst nicht mitbekommt.

Gib Dein Bestes!

Vielleicht kann ich damit ein vorläufiges Fazit ziehen und das lautet: Gib Dein Bestes! Und bevor Du etwas veröffentlichst, verkaufst, anderen Menschen anbietest oder auch nur äußerst, dann sei Dir möglichst sicher, dass das wirklich das Beste ist. Schick die nächste E-Mail nicht einfach nur schnell raus, setze das nächste Meeting nicht einfach nur so an und plane mit Deiner Partnerin oder Deinem Partner den gemeinsamen Abend doch einfach mal ein bisschen gründlicher. Gib Dir einfach mehr Mühe, um eine schöne Lebenserfahrung für Dich und die anderen zu erzeugen. Und das bedeutet für Deine Arbeit sicherlich auch, dass Du vielleicht auch einmal kritisch hinterfragen darfst, ob Du die Qualität nicht steigern kannst. Ist da noch Luft nach oben? Kannst Du an Deinen Fähigkeiten weiter arbeiten und noch besser werden?

Wenn Du Dich vielleicht schon seit einigen Jahren oder vielleicht schon ganz lange auf Dein Lorbeeren ausruhst, dann ist vielleicht jetzt die richtige Zeit, ehrlich zu Dir selbst zu sein. Überheblichkeit und das Pochen darauf, wie toll Du bist, das alles bringt Dich nicht weiter. Stoppe die Lobgesänge auf Dich und nutze diese Zeit lieber, um wirklich gut zu werden mit dem, was Du liebst, wo Du Talent hast und was Du dann wirklich gerne machst.
Vielleicht bist Du einfach nur zu faul, um Dich mit der Fachliteratur zu beschäftigen, Dich fundiert weiterzubilden. Dann darfst Du jetzt Deine Faulheit überwinden, um die Qualität zu erhöhen, die Du hervorbringst. Wenn Du dann bei der Überprüfung merkst, dass Du einfach Müll produziert hast, dann habe ich eine einfache und wirklich gut funktionierende Lösung für Dich: Schmeiß es einfach weg, lösche den Text, nimm Deine Webseite offline oder wirf das Produkt in die Mülltonne. Dann kannst Du entweder einen neuen Anlauf nehmen und es besser machen, oder Du entscheidest Dich für etwas anderes, einen neuen Beruf, eine neue Aufgabe, findest einen anderen Lebensbereich, ein neues Hobby, einen neuen Sport, einfach etwas, bei dem Du mehr Talent hast, für das Du besser geeignet bist. Und dann bringst Du in dem Bereich das Beste. Los geht’s!