Dieser Artikel beginnt mit einer These, die mir heute Morgen in den Sinn kam. Ich dachte so darüber nach, dass sich in diesen Tagen bestimmt viele Menschen miteinander streiten, weil sie so lange so dicht und ohne Ausweichmöglichkeiten zusammen sind. Ungewohnt lange, ungewohnt nah, nicht mal zum Essen darf man weggehen, keine Freunde treffen, nicht einmal die eigenen Eltern, Geschwister oder Kinder. Da kann es schon zum Streit kommen, das ist doch klar. Doch nun zu meiner These: Was wäre, wenn wir nur deshalb Streit miteinander anfangen, weil wir uns nicht verändern wollen?
Jaja, ich bin bei Dir, das gilt definitiv nicht für jeden Streit und für jede Situation. Ich meine so die typischen Streitereien mit einem Dir nahestehenden Menschen, mit dem Du vielleicht sogar zusammenlebst, bei denen es um fast nichts geht. Kann doch mal vorkommen. Die Themen, die im Alltag ein gewisses Konfliktpotenzial bergen, so etwas wie „Wareum räumst Du nicht endlich mal Deine Sachen aus der Küche?“, „Warum hast Du den Müll nicht runtergebracht, Du hast es doch versprochen?“, „Du hast die Fensterbank beim Staubwischen vergessen.“ oder „Du weißt doch genau, dass mich die Tasche auf dem Treppenabsatz stört.“ bis hin zu „Natürlich bist Du mal wieder nicht rechtzeitig fertig, es ist ja schließlich auch nur meine Freundin, der wir etwas schenken wollen.“

Der Sinn der Kommunikation…

…ist das Feedback, das wir vom anderen bekommen. Das war der Ausgangspunkt meiner These. Ich kommuniziere, weil ich damit eine bestimmte Reaktion erwarte, erhoffe, erreichen will. Das muss also doch für Streit auch gelten. Ich fange Streit an (was ich im Übrigen nie tun würde! 😊 ), weil ich mein Gegenüber zu einem neuen Verhalten bewegen möchte. Und da kommen wir an den spannenden Punkt: Kann es nicht sein, dass ich dieses neue Verhalten bei diesem Menschen vor allem deshalb bewirken möchte, damit ich mich nicht verändern oder mein Verhalten nicht anpassen muss?
Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie Du auf diese Absicht kommen kannst, wie Du Dich sozusagen selbst erkennen kannst? Meine Idee dazu: Frag Dich zunächst einmal nach Deiner Absicht, die hinter dem Streit liegt oder hinter Deiner Unzufriedenheit mit der Situation, Deiner Wut auf einen anderen Menschen? Das ist eine kleine Herausforderung, da bin ich bei Dir. Und nur, dass wir geredet haben: Es mag sogar einfacher sein, dass ich Streit anfange, als über meine Absicht nachzudenken.

Schau also ehrlich nach

Lass mich das mit einem Beispiel erläutern: Jemand fängt Streit an und es geht zum Beispiel um die Hausarbeit, das zu späte Nachhausekommen oder etwas Vergleichbares. Was könnte die Absicht sein? Du findest die Absicht recht leicht, wenn Du Dir Deine Gefühle genau bewusst machst. In diesem Fall, könnte also das Gefühl, nicht anerkannt zu sein, ausschlaggebend sein. Oder das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Das kannst Du wirklich nur selbst herausfinden, indem Du in Dich hineinfühlst. Und es gibt keine richtige oder falsche Antwort. Nur Deine!
Von diesem Gefühl und dieser Absicht ausgehend kannst Du dann für Dich formulieren, was Dich wirklich stört und/oder was Du wirklich haben möchtest. Beide Denkwege sind hilfreich und bringen Dich weiter. „Ich möchte mich nicht mehr übersehen fühlen.“, „Ich möchte mich nicht mehr so vernachlässigt fühlen.“ ist genauso hilfreich wie die Erkenntnis „Ich möchte mich geliebt und unterstützt fühlen.“. Und damit bist Du an der entscheidenden Stelle: Früher hättest Du den Streit angefangen, damit der andere sein Verhalten so verändert, dass das gewünschte Gefühl in Dir entsteht.

Streit ist der wohl ungeeignetste Weg zu Deinem Ziel

Doch wenn Du jetzt mal einen Moment noch bei Dir bleibst, dann wird es doch vollkommen klar, dass viele Argumente gegen diese Vorgehensweise sprechen: 1. Dass der andere Mensch sein Verhalten dauerhaft freiwillig aufgrund eines Streites ändert, ist sehr unwahrscheinlich. 2. Selbst wenn er es ändern würde, bezweifele ich, dass dieses neue Verhalten tatsächlich das gewünschte positive Gefühl in Dir auslöst. 3. Falls doch, wärest Du also ab sofort von dem anderen abhängig, denn nur, wenn er oder sie sich dauerhaft so verhalten würde, würdest Du glücklich bleiben können. Und da wir alle nach Freiheit streben, würdest Du die von Dir selbst erschaffene Marionette wegen Deiner (!) Abhängigkeit von ihr nicht auf Dauer mögen.

Einfacher und sinnvoller scheint es mir zu sein, dass Du die Lösung in Dir suchst. Du willst Dich also weniger in der einen Richtung und/oder mehr in der anderen Richtung fühlen. Was kannst Du selbst tun, um Dich genauso zu fühlen? Welche (neuen) Verhaltensweisen möchtest Du ausprobieren, um dieses Gefühl in Dir zu erzeugen? Das wäre die ultimative Freiheit, denn jetzt könntest Du dieses Gefühl in Dir selbst erzeugen, wann immer Du möchtest. Und der andere Mensch kann zu spät kommen, unordentlich sein oder was auch immer, es würde nichts in Dir verändern. Und tatsächlich steigt dann die Chance, dass Ihr einen gemeinsamen Weg findet, weil die manipulative Energie aus dem System verschwindet.

Probiere diesen neuen Weg doch einfach mal aus, vor allem dann, wenn Du früher gleich Streit angefangen hättest. Unterhalte Dich insbesondere mit einem geliebten Menschen lieber über die Absicht, das nimmt eine Menge Zündstoff aus dem Alltag. Und nur, damit ich es nochmal gesagt habe: Dies ist nicht gedacht als Aufforderung, ab sofort jedes Verhalten eines anderen Menschen unter allen Umständen hinzunehmen. Auch und gerade dann nicht, wenn er regelmäßig Streit mit Dir anfängt.